auf der Pflegestation

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Ungeschminkte Schönheit

0-aaaaaMein Dienst im Altenheim (Pflegestation) begann wie immer um 6:00 Uhr. Wecken, waschen, Toilettengänge oder Windelwechsel und Frühstück reichen waren angesagt. Ein Morgen also, wie jeder andere, nichts auffälliges oder besonderes.

Meine mir eingeteilte Person, war Frau E. Ich weckte sie und tat das, was zu tun war. An diesem Morgen gab ich mir aber besonders Mühe, Frau E. etwas (jedenfalls was die Kleidung betraf) aufzumotzen… denn Frau E. hatte an diesem Tag Geburtstag. 89 Jahre wurde Frau E. …ein stolzes Alter… obwohl, wenn man keine Selbstständigkeit mehr hat und rund um die Uhr auf Hilfe fremder Menschen angewiesen und somit auch ausgeliefert ist, ist das auch nicht gerade das große Los, dass man gezogen hat.

Jedenfalls staffierte ich meine Frau E. etwas pompöser aus, als man es von mir/ihr gewohnt war. Ich suchte ihr einen grauen Trägerrock heraus, eine weiße Bluse. ein mit Perlen besetztes Haarnetz mit der passenden Brosche dazu. Der letzte Schliff war eine graue gestrickte/gehäkelte Stola, die ich ihr mit einem Schisslaweng um die Schulter platzierte, bevor ich sie in ihren Rollstuhl setzte.

Als sie ihr kärgliches Frühstück eingenommen hatte, chauffierte ich sie aus ihrem Zimmer und fuhr sie ohne Umwege in ihre Lieblingsecke auf den Flur. Von dort aus schaute sie stundenlang aus dem Fenster in Richtung Park… dort war sie mit sich und der Welt zufrieden.

Nachdem ich auch andere Bewohner der Pflegestation versorgt hatte, machte ich eine kleine Verschnaufpause auf dem Flur… ca. 5 m von Frau E. entfernt. Sie war so in ihren Gedanken versunken, dass sie mich gar nicht bemerkte… und das war gut so… denn nur diesem Umstand ist es zu verdanken, dass ich Frau E. ungestört beobachten konnte. Sie hatte ihre Brille abgesetzt und genoss mit geschlossenen Augen die kläglich, vereinzelten Sonnenstrahlen, die das Fensterglas durchbrachen.

Ich konnte meinen Blick nicht von ihr abwenden, denn just in diesem Moment sah ich Frau E. aus einer ganz anderen Perspektive…

„Ist das eine schöne Frau“ ging es durch meinen Kopf und ich schaute genauer hin. Diese feine, gerade Nase, die schmalen aber dennoch schwungvollen Lippen, dieses schneeweiße Haar und all die vielen Falten, die genau in diesem Gesicht ihre Daseinsberechtigung hatten, als wären sie von einem Maler auf künstlerischer Weise mit feinen Pinselstrichen eingefangen worden. Ihre aufrechte, stolze Körperhaltung rundeten das Gesamtbild ab. Alles was man sehen konnte war eine Frau mit 89 Jahren, die an Stolz, Würde und Schönheit es mit jeder 20 jährigen Silikon-Tussy aufnehmen könnte.

Diese Erlebnis werde ich nie vergessen… der Spruch stimmt also: „JEDES ALTER HAT SEINE EIGENE SCHÖNHEIT!“

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Eine liebenswerte Erinnerung

schneewittchen-jpgMein Dienst im Altersheim begann morgens um 5:00 Uhr. Auf der Pflegestation herrschte noch allgemeine Nachtruhe. Leise schlichen wir uns durch die Gänge, damit keiner unnötig gestört würde. Im Dienstzimmer wurde von der Nachtwache die Station übergeben, und wir wurden für den Frühdienst eingeteilt. Jeder bekam etliche Räume zugewiesen, in denen wir die einzelnen Bewohner zu wecken hatten und anschließend waschen sollten. Ich war u.a. für Frau Hinze und Frau Fährmann in Nummer 5 zuständig.

Bewaffnet mit Schüssel, Waschlappen, Handtuch und Seife betrat ich das Zweibettzimmer. Frau Heinze schlief noch tief und fest, während Frau Fährmann nur vor sich hindämmerte. Sie war blind, bettlägerig, aber im Kopf noch voll zurechnungsfähig. Mit ihrer weinerlichen Stimme wollte sie jedem signalisieren, wie zart und zerbrechlich sie doch sei, obwohl ihre Proportionen ziemlich ausladend waren. Und mit ihrem affektierten, künstlichem Geräusper und Gehüstel, das mehrmals störend ihre eigene Kommunikation unterbrach, wurde jedem signalisiert, dass sie eine Dame von Welt ist und sie sich somit von allen anderen Frauen unterscheidet. Optisch unterstrich sie ihre Feststellung mit einer Brille, deren Tönung und Form schon alleine mehrere hundert DM gekosten haben muss.

„Guten Morgen Frau Fährmann, dann wollen wir sie mal waschen,“ flüsterte ich und begann somit meinen arbeitsreichen Tag. Als ich fertig war, schüttelte ich ihr das Kopfkissen auf, zog die Bettdecke gerade und sagte: „Wissen sie Frau Fährmann, wenn ich sie hier so liegen sehe, muss ich immer an Schneewittchen denken. Ihre Ähnlichkeit mit ihr ist verblüffend!“

Während sie süffisant, hocherfreut lächelnd und vor Verzückung aufschluchzte, dachte ich: „Du meine Güte, was redest du denn hier für einen Quatsch?“ Denn selbst bei meiner lebhaften Phantasie, die mir der liebe Gott bescherte, war es mir unmöglich, hier irgendeinen Vergleich zu ziehen. Aber nun hatte ich es gesagt und ließ es einfach mal so im Raum stehen.

Als ich mit meiner Arbeit in diesem Zimmer fertig war, verließ ich es und hörte Frau Fährmann noch flöten: „Tschühüs….. bis später dann!“ So nebenbei bemerkte ich noch, wie sie mit ihrem Kamm, genüsslich vor sich hinlächelnd, ihr dünnes, weißes Haar ordnete.

Der Arbeitstag war ohne weitere Vorkommnisse. Alles war wie gehabt. Ein ewiges Gerenne und jede Menge Hektik. Nach der Mittagsessenausgabe und der Hilfestellung beim Essen, trudelte so langsam die Spätschicht ein. Um 13:00 Uhr übergaben wir dann die Station und stellten uns langsam auf unseren wohlverdienten Feierabend ein. Noch während der Besprechung leuchtete das rote Not-Lämpchen über der Tür von Zimmer 5 auf. Ich dachte noch: „Aha, da wird bestimmt eine Bettpfanne verlangt.“

Ein Kollege sprang auf und meinte: „Bleibt sitzen, ich mach das schon.“ Es dauerte keine Minute, da stand er schon wieder vor uns im Besprechungszimmer. Total perplex und völlig aufgelöst fragte er: „Was ist denn mit Frau Fährmann passiert? Die ist ja vollkommen neben der Spur. Die redet nur wirres Zeug.“

Wir sahen ihn erstaunt und fragend an. Die Stationsleitung meinte: „Mir ist nichts bekannt. Was ist denn vorgefallen?“ „Na ja,“ stammelte mein Kollege, „ich komme ins Zimmer, da sitz Frau Fährmann aufrecht und freudestrahlend in ihrem Bett, himmelt mit ausgebreiteten Armen die Zimmerdecke an und ruft: „Oh mein Prinz, Schneewittchen muss mal auf´n Topf! Schneewittchen muss mal auf´n Topf……!“

Totenstille!

Erst jetzt fiel mir wieder meine kleine Lüge vom Morgen ein, und ich musste herzhaft und laut lachen. Ich beichtete meine Kollegen den Vorfall, und alle stimmten in mein Gelächter ein. Wenn ich heute so zurückdenke, muss ich immer noch grinsen. Wie glücklich muss ich diese Frau gemacht haben, als ich sie mit Schneewittchen verglichen habe! Eine kleine, unbedachte Lüge kann soviel Freude bereiten!

Die Namen sind selbstverständlich fiktiv und frei erfunden!

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Bitte denkt jetzt nicht, was für ein toller Mensch ich doch bin… ganz im Gegenteil, auch mich hat die Zeit der Gefühlskälte voll erwischt. Als ich dies bemerkte, sah ich zu, dass ich auf dem schnellsten Wege meine Tätigkeit als Altenpfleger für immer an den Nagel hängte. Das war nicht nur für mich erlösend, sondern auch für die Heimbewohner die bessere Entscheidung!

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